3 Mich selbst berühren

Es gibt Menschen, die nach dem Studium weiterhin zu ihrer Lehrkraft gehen oder sich eine neue suchen. Und dann gibt es welche, die nie mehr irgendwohin gehen, um sich unterrichten zu lassen. Zu denen gehöre ich.

Ich hatte es mir vorher nicht genau überlegt, aber wenn kein Bedarf mehr ist besser zu werden, wozu dann Geld zahlen? Die Oper hatte ich abgehakt, Konkurrenzkampf würde es für mich nie mehr geben. Es wurde still um mich herum. Sehr still. Aus acht Jahren Studium herausgerissen war da plötzlich niemand mehr, der mit mir Musik machte, außer meine Schüler. Dafür war ich dann doch gut genug durch das vergangene intensive Training.

Für was hab ich also geübt? Ich hab kleine Konzerte für meine Klasse organisiert und hab immer auch selbst mitgesungen. Ich habe zum Spaß Repertoire wiederholt, weil einrosten auch nicht toll ist. Aber vor allen Dingen hab ich gesungen, um Schmerz abfließen zu lassen. In der Zeit des Entzugs kam Einiges hoch, und Singen war das Werkzeug, das immer half, wenn´s mir schlecht ging.

Ich sang aber nicht mehr wie vorher. Gefühlsdrama hatte ich genug in mir, also benutzte ich das Singen, um es abfließen zu lassen. Ungefähr ein Jahr habe ich nur gesungen, um mich wieder mehr zu spüren. Es tat gut manchmal weinen zu können, sich von der Musik tragen zu lassen. Manchmal, wenn ich mich leise tönend vor dem Kamin zusammengerollt habe, kullerten meine Tränen einfach so runter. Ich glaub ich hab mich damit ein Stück selbst geheilt, aber vor allen Dingen habe ich eine Muskulatur entwickelt, wie ich Musik und Gefühle zusammenbringen konnte. Später funktionierte das für jegliche Art von Gefühlen, und ich begann immer mehr aus lauter Freude zu weinen. Einmal hab ich mich beim Singen sogar vor Lachen kaum mehr eingekriegt.

Niemand hatte mir das beigebracht, dass es da eine innere Klaviatur der Gefühle gibt, die ich auch spielen kann. Und niemand hatte mir beigebracht, dass ich so tief in jedes Gefühl hinabtauchen kann wie ich will und wann ich will. Niemand wusste offensichtlich, dass nicht ich meine Gefühle bin, sondern meine Gefühle ein Teil von mir sind, der für mich da ist, wie meine Arme und Beine. Ok, wo´s das gibt, muss noch mehr sein. Was weiß ich eigentlich noch alles nicht über Musik und darstellende Kunst?

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