5 Mein Körper ist ein Pferd

Mein gescheiterter Musiker-Bruder hat irgendwann mal seine Sicht erzählt, wie manchmal Pferde zugeritten werden und dass sie zum Teil willenlos gemacht und gebrochen werden….Schluck! Jedenfalls setzte sich diese Geschichte nachhaltig bei mir fest. Wolfi erzählt immer mal wieder Geschichten. Von seinem Musikstudium zum Beispiel, dass er es lieber geschmissen hat, als seine Musik aufzugeben. Ha. Für den Schritt hab ich ein ganzes Studium gebraucht und hab mir zwischendrin dann meine Musik doch wegnehmen lassen. *Schenkelklopfer*

Jedenfalls die Geschichte mit dem Pferd war einige Zeit her. Ich lag auf der Liege einer Osteopathin. Eigentlich kam ich wegen einem Rückenleiden, doch dann behandelte sie meinen Hals. Die seitlichen Muskelstränge. Woah leck! Das waren Schmerzen. Ich konnte noch nicht mal mehr schrein. Ich glaub ich riss den Mund auf, aber da kam nichts raus. Die Tränen flossen mir nur so runter. Eigentlich wollte ich sagen: „Ich bin Sängerin“, um mit ihr meine Traurigkeit darüber zu teilen, was ich in dem Moment begriffen hatte. Ich hab die ganze Zeit während meinem Studium meinem Körper weh getan und hab´s nichtmal bemerkt.

Jedoch verließ die Osteopathin den Raum, bevor ich wieder zu Worten kommen konnte. Ich beschloss erst aufzustehen, bis ich diese Erkenntnis fertig geheult hatte. Das saß.

Ey, was hab ich da die ganze Zeit mit mir gemacht? Wo bitte war ich denn da? Warum hab ich nie auf meinen Körper gehört? Warum war mir meine Lehrerin wichtiger als die Zeichen, die er mir gab? Scheiße…man kann echt blind sein, wenn man blind ist. Hui!

Bin ich da nur ein Einzelfall? Meine Befürchtung ist nein. Die Erkenntnis ist so hart wie sie bitter ist: Du wirst im Studium nicht zum selbständigen Menschen erzogen, sondern bekommst die Gnade hinterherlaufen zu dürfen. Nicht du bist wichtig, sondern deine Technik. Dein Körper? Mittel zum Zweck. Den nimmst du doch eh nicht wahr! Ich ja auch nicht, also lassen wir ihn außen vor. So Sätze wie „Du bist selbst dein bester Lehrer“ hab ich dort nie gehört und da war auch niemand, der meine Wahrnehmung gestärkt oder verteidigt hätte.

Ich will hier nicht abrechnen. Ich mag meine Lehrer nach wie vor. Mein Gefühl ihnen gegenüber bleibt Respekt. Dennoch bildeten diese Erkenntnisse das Fundament meines Unterrichts. Ich will niemals, dass so etwas passiert, weil man bei mir im Unterricht ist. Und so wurden die Leitsätze, die mir im Studium so sehr fehlten wie

„Deine eigene Wahrnehmung ist immer richtig“ oder

„Du bist Dein bester Lehrer“ oder

„Ich kenne dich nicht und kann Dir nur eine Perspektive geben. Wie Dein Körper funktioniert, kannst nur du selbst herausfinden“

zum Fundament meines Unterrichts. Und ich musste in diese Schuhe, die ich mir da hingestellt hab, weißgott erst hineinwachsen. Die Verantwortung, die ein Pädagoge hat, ging damit für mich plötzlich über alles hinaus, was ich mir dachte, was eine Person einer anderen gegenüber zu verantworten hat. Pädagoge zu sein war für mich zu einem Beruf geworden, der ähnlich wie in der Elternschaft alles von mir abverlangte. Mit Haut und Haar in diese Rolle hineinzugehen, war ergo die einzige Möglichkeit diese Hausnummer zu stemmen.

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