Training ohne Rücksicht auf Verluste

Heute Morgen bin ich nach drei Tagen Urlaub und schlafen aufgestanden mit einem Gefühl von: Ärmel hochkrempeln. Trainiere das, was am sinnvollsten ist, egal, ohne Rücksicht auf deine Persönlichkeit. Mit Persönlichkeit meine ich die ganzen vielen kleinen Annehmlichkeiten und Gewohnheiten, und die Widerstände, um sie zu verteidigen. Ich weiß, welche Widerstände mich zurückhalten, mein Ziel zu erreichen, und viel zu oft sind sie stärker als meine Ziele. Aber heute nicht, und ich hoffe die nächste Zeit auch nicht. Ich habe nämlich ein Ziel, das stärker ist, als die Bequemlichkeit meine Persönlichkeit zu behalten, so wie sie jetzt gerade ist: Meine Promotion 2018 vollenden.

Sportler fühlen sich vielleicht ähnlich. Sie können ihren Körper auch nicht belassen, wie er ist, sondern regen ihn täglich an, sich weiter zu entwicklen und noch mehr aus ihm heraus zu holen. Als Geisteswissenschaftlerin oder auch als Musikerin ist es nur logisch, das gleiche mit meinem Geist und meiner Persönlichkeit zu tun.

Und: Es hat funktioniert. Ich fühle mich frisch, lebendig und flexibel. Warum ich das nicht schon längst so mache und es normal für mich ist, ist mir gerade ein Rätsel. Was hat diese Wachheit bewirkt?

  • Ich habe mich alter Moves entledigt.
  • Ich habe neue Moves aufgesetzt.
  • Ich habe coole Moves weitergesponnen.
  • Ich habe mich in einem persönlichen Text mit meinen inneren Widerständen auseinandergesetzt.

Nehmen wir meine Konzertvorbereitung als Beispiel (bei meiner Promotion läuft es gerade ähnlich ab, aber das ist thematisch ja eher unmusikalisch):
Bei einer Übe-Session am Klavier wollte ich in 25 Minuten alle Move-Ergebnisse einsammeln, die ich vor einem halben Jahr gesät habe. Ich habe lange pausiert und nicht richtig geübt. Das letzte Mal war vor mehreren Monaten. Aber mein Üben war strukturiert, hatte klare Ziele und jede Menge toller Moves. Es war ein vielschichtiger Prozess. Da die Pause so lange war, hatte ich keine große Hoffnung, viel Ernte zu erlangen, bin aber wieder einmal aufs äußerste überrascht worden. Ich kann es noch viel besser als jemals. Alles, was damals noch Baustelle war, funktioniert jetzt wie am Schnürchen.

Beispiel: Eines meiner Übe-Ziele vor einem halben Jahr war, auswendig und aber auch blind, also ohne auf die Tastatur zu blicken, spielen zu können. Dafür habe ich einige Moves investiert. Heute probiere ich aus, was noch da ist, mache die Augen zu und sehe die Tastatur glasklar hinter meinen Augen. Fast wie fotografisches Gedächtnis. Die Finger zu setzen war kein Problem, weil ich trotzdem gesehen habe, was vor mir war. Es ist eigentlich simpel, weil das schwarz-weiße Bild des Klaviers so einprägsam ist. Heute ging diese Welt einfach von alleine auf, fast wie ein Geschenk.

Die anderen Dinge klappen auch viel besser. Auswendig Spielen hat für mich heute eine ganz neue Komponente bekommen. Da gibt es jetzt mehrere Stufen des auswendig Könnens:

  • auswendig mit Blick auf die Finger
  • auswendig und immer klar im Kopf, welche Harmonien gerade ablaufen
  • auswendig, indem man die Harmonien voraus hört, weil man die Grammatik des Stückes verstanden hat und die Phrase ganz natürlich vollenden kann, wie wenn man einen gesprochenen Satz vollendet
  • auswendig mit alldem harmonischen Gehör und blind

Witzig ist dann, wenn das ganze Stück schon blind läuft und man einen Fingersatz ändert. An der Stelle muss man dann zu denken beginnen, weil es eben noch nicht blind läuft. Aber wenn man sich selbst beobachtet, was das für ein riesiger emotionaler und kognitiver Aufwand ist, den man da betreibt, dann wird schnell klar wie wichtig es ist, sich gänzlich von allen Stellen im Stück zu emanzipieren, bevor man musizieren möchte.

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  1 comment for “Training ohne Rücksicht auf Verluste

  1. Mark
    4. April 2018 at 18:56

    Coole Sache, alte Moves wieder zu aktivieren und zu schauen wie tief sie Eindruck hinterlassen haben und alten Mustern den garaus beschert haben.

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